Home ➝ Bücher ➝ Schattenkreuz (Remake)
21/15 cm, 288 Seiten
22 € (Privat-Edition)
ISBN 978-3-200-11590-3
Neuerscheinung 2026
Die Originalfassung wurde bearbeitet
(ohne substantielle Veränderungen)
und auf den Stand der gegenwärtig
aktuellen Rechtschreibung gebracht.
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Ein Wilderer-Drama im Jahr 1931 dient als Grundlage für den Roman. Die Geschichte führt ins Dachsteingebirge und ist dem Milieu der Wilderei gewidmet. Erzählt nach einer wahren Begebenheit, vor dem Hintergrund der von heftigen Krisen erschütterten Ersten Republik. Faschismus und Nationalsozialismus werfen beunruhigende Schatten voraus. Ein Zeitbild, wie es in den frühen dreißiger Jahren in Österreichs Gebirgslandschaften typisch war. Der Wildschütze Anton Dorwald ist leidenschaftlicher als alle anderen. Ein Besessener, der den Traum hegt, legendär zu werden. Er wird ebenso verehrt wie gehasst. Der Todesschuss auf einen beliebten jungen Jäger stellt Dorwald unter Mordverdacht. Jetzt beginnt die Hetzjagd auf ihn. Geschickt manövriert er sich durch den Gerichtsprozess. Die erste Verhandlung führt zu keiner Entscheidung. Die Wiederholung direkt am Ort des Geschehens löst ein immenses Echo aus. Nicht nur bei den Bergbewohnern. Der Prozess im Gebirge wird zum Titelthema in der Presse. Das Urteil der Geschworenen sorgt für eine heftige Empörung.
Als der jüngste Dorwald das Licht der Welt erblickte, wurde das zweite Jahr im zwanzigsten Jahrhundert geschrieben. Doch das beachtete niemand in dem schmalen Schattental, das sich südöstlich des Dachsteins erstreckte. Genaue Jahreszahlen und Geburtstage waren hier für die Menschen nicht so wichtig. Es war Frühling. Um diese Jahreszeit auf einem Bauernhof ein Kind zu gebären, war bloß eine Belastung, wegen der vielen Arbeiten auf den Äckern und auf den Wiesen. Die Bäuerin Agnes Dorwald war erleichtert, als die Wehen und Schmerzen vorüber waren.
Nur wenige Tage nach der Niederkunft war die Frau bereits wieder auf den Beinen. Noch lag Blässe in ihrem Gesicht. Sie schwankte leicht, als sie aus dem alten, dunklen Holzhaus trat, in der einen Hand einen Blecheimer, in der anderen Hand einen Korb, an den Kittelfalten vier Kinder. Im Eimer landeten die Steine, die sie von den Feldern klaubte. Im Korb schlief und schrie, je nach Tageszeit, Hunger und Laune, das Neugeborene. Mitten auf dem Feld knöpfte die Frau ihr hochgeschlossenes schwarzes Kleid auf und gab dem Kind die Brust, um es zu stillen. An den Feldrainen entrollten sich die Blätter des Haselnussstrauches. Der kühle Wind wirbelte Pollen durch die Luft, die das Neugeborene juckten. Die Frau hob einen Stein nach dem anderen auf. Laut schlugen sie ans Blech des Eimers. Immer, wenn der Frühling ins Land zog, musste diese Arbeit getan werden. Jedes Jahr kollerten kleinere und größere Steine auf die steilen Bergwiesen, von Tieren abgetreten, vom Frost gelockert oder vom Schnee abgedrückt.
Unter den spärlich belaubten Buchen tanzte die Sonne sprenkelnd um grüne Farnkelche. Wildbienen summten. Ein gelber Schmetterling flatterte zu den niedrigen Gänseblümchen und duftenden Veilchen. Keines der Frühlingswunder ließ die Frau aufblicken. Erst als ein Schwalbenpärchen aus dem fernen Süden zurückkehrte und zur Begrüßung einen Freudenflug zelebrierte, sah die Frau kurz auf. Ein Lächeln stahl sich von ihren Lippen. Dann bückte sie sich erneut, mit steinerner Miene, so als ob sie nachdrücklich zeigen wollte, wie sehr sie die Schwalben um ihre sonnigen Orte beneidete.
